Brief an die Klassenkameraden: Hallo! Ich bin Asperger-Autist.

 

Nun sind wir an den Punkt gekommen, wo auch der Große langsam merkt, dass er nicht drumherum kommen wird sich seinen Klassenkameraden zu offenbaren. Damit es ihm etwas leichter fiel und er die Reaktion erstmal an zwei seiner engsten Mitschüler testen wollte, bat er mich einen Brief für ihn zu schreiben. Einen Brief der seine Probleme beschreibt und erklärt, dass er Asperger Autist ist.

Natürlich schrieb ich diesen Brief für ihn, keine Frage:

 

Hallo!

Wir kennen uns nun schon eine Weile und du hast sicherlich schon gemerkt, dass ich manchmal etwas anders bin als du und die Lehrer mich auch oft anders behandeln.

Das hat einen Grund und weil ich dir mittlerweile vertraue, möchte ich dir sagen, welcher Grund das ist. Das fällt mir nicht leicht, darum habe ich es aufgeschrieben.

Ich bin Asperger – Autist.

Das ist keine Krankheit, denn die könnte man heilen. Es ist eine Besonderheit.

Stell dir vor, ihr seid alle Windows Computer. Ich bin ein MacOS.
Stell dir vor, ihr seid alle XBoxen. Ich bin eine Playstation.

Das heißt also, ich bin nicht schlechter oder besser als du, ich funktioniere nur anders.

Manchmal verstehe ich euch nicht. Das liegt daran, dass ich Aussagen wörtlich nehme und Witze oder Redewendungen nicht immer verstehe. Darum brauche ich manchmal eine andere Erklärung.

Manchmal kann ich mich nicht konzentrieren. Zu viele Geräusche lenken mich ab. Reden zusätzlich noch Leute mit mir, wird mir das zu viel. Auch zu viele Aufgabenstellungen auf einmal überfordern mich. In solchen Situationen möchte ich nur meine Ruhe haben. Am liebsten möchte ich in solchen Momenten aus der Klasse gehen. Es kann auch sein, dass ich in solchen Situationen aggressiver rede. Ich meine das dann aber nicht böse.

Ich erkenne nicht immer wie es euch geht, das heißt aber nicht, dass es mir egal ist.

Ich mag nicht gerne alleine sein. Mir fällt es aber schwer, auf euch zuzugehen, mit euch zu reden und den Kontakt mit euch zu halten.

Die Lehrer schimpfen öfter mit mir, weil ich nicht sofort anfange zu arbeiten. Das kann daran liegen, dass ich nicht verstanden habe, was ich machen soll oder ich nicht schreiben möchte. Schreiben ist etwas, was mir schwer fällt. Das tut mir sogar manchmal weh. Tippen am Computer geht viel besser.

Wenn ich mal lauter werde und wütend erscheine, brauche ich meine Ruhe. Dann solltet ihr mich eine Weile in Ruhe lassen.

Wenn sich unsere Klassenräume ändern, weiß ich meist nicht, wo ich hin muss. Veränderungen verunsichern mich. Ich brauche dann Hilfe, aber ich traue mich nicht zu fragen.
Wenn ich mal zu spät komme, traue ich mich nicht in die Klasse. Ihr klopft an und entschuldigt euch, wenn euch das passiert. Mir fällt das aber schwer, weil ich weiß, dass mich dann alle ansehen und ich vor euch allen sprechen muss.

Vor euch zu sprechen fällt mir schwer. Dir ist sicher schon aufgefallen, dass ich dann hin und her laufe. Das mache ich, um mich zu beruhigen. Dazu kommt, dass ich immer Angst habe etwas falsch zu machen und dass ihr dann lacht.

Ich hoffe, dass du mich nun etwas besser verstehen kannst.

Wie die Klassenkameraden darauf reagiert haben und wie es für den Großen war, erzähle ich euch demnächst.

Den Brief dürft ihr gerne benutzen mit Quellenangabe.

 

 Das Titelbild wurde von Felix Lichtenfeld auf Pixabay zur Verfügung gestellt.

21 Kommentare

  1. Ich finde den Brief wirklich sehr gelungen und er hat mich beim Lesen sehr berührt. Allerdings finde ich es traurig dass es überhaupt notwendig ist, sich zu erklären … das sollte doch gar nicht notwendig sein. Jetzt bin ich auf die Antwort gespannt.

    lg
    Verena

    • Leider ist es oft so, dass man nur das akzeptieren kann oder toleriert, was man sieht bzw selber erlebt hat.
      Eltern, besonders den Müttern, wird daher auch sehr oft vorgeworfen, dass sie ihr Kind einfach falsch erzogen haben.

      Ein weiterer Bericht zum dem Brief wird es natürlich geben.

      Liebe Grüße vom Schokodil

  2. Eine großartige Vorgehensweise einen solchen Brief zu benutzen um sich zu erklären. Und ich glaube sehr wohl, dass es notwendig ist, denn als soziale Wesen grenzen wir Menschen aus, die wir nicht verstehen, dass hat gute Gründe, die aus der Evolution herrühren. Mit das sollte gar nicht nötig sein kommt man da keinen Schritt weiter.
    Alles Liebe
    Annette

    • Witzigerweise stellt der amerikanische Forscher Reser die These auf, dass der Autismus ein Überbleibsel der Evolution ist und Autisten einen wichtigen Nutzen hatten.Diese Schlussfolgerung zog er wohl durch Studien verschiedener Tierarten, u.a. der Menschenaffen. Ein Invidium, dass nicht zwingend auf soziale Kontakte angewiesen ist, hat größere Gebiete “erforscht” um Nahrungsquellen zufinden. Würde das Indivium nur in der Nähe seiner Sippe bleiben, wäre dieser Radius sehr eigeschränkt. So kam dieser meist nur zur Paarungszeit zurück und sicherte sein Überleben. Ähnliches stellte er im Bezug auf ADHS fest. Was für sesshafte Menschen eher störend erscheint, ist für Normadische Völker von nutzen.
      Nun frage ich mich, durch die wachsende Bevölkerungszahl und Vereinsamung der Menschen (mehr Singlehaushalte als Familienmodelle), ob es dann nicht wieder so ist, dass der Autismus von größeren Nutzen sein wird.
      Wenn dieses so ist, wären die angedachten Gentest bei einer Schwangerschaft, um herauszufinden ob das Baby eine Autismus Spektrum Störung haben wird, fatal. Sicherlich möchten viele Menschen “so ein Kind” nicht haben, ebenso wie das Down Syndrom. Ich denke, manchmal sollte der Mensch einfach seine Finger aus dem Spiel lassen.

      Liebe Grüße vom Schokodil

  3. Ich hatte den Brief ja schon vor ein paar Tagen gelesen und finde ihn wirklich schön geschrieben! Verständlich und einfühlsam! Der Vergleich mit den Spielekonsolen ist toll und hat mich berührt! Ich arbeite in der Logopädie auch mit Kindern, die manchmal “anders funktionieren”.

    Liebe Grüße
    Jana

  4. Danke für das Teilen dieses emotionalen und persönlichen Briefes.
    Die Aussage, dass es keine Krankheit ist, weil man die heilen könne, finde ich allerdings nicht so gut, denn es gibt ja ganz viele unheilbare Krankheiten – daher ist der Vergleich nicht so gut.
    Ansonsten finde ich das ganz toll. Bei meinem Patenkind wurde gerade Asperger diagnostiziert und ich denke, dass ich ihm den Brief mal übersetze und frage, was er davon hält.

    • Hallo Miriam!
      Stimmt, da hast du natürlich recht. Es gibt auch Krankheiten die man nicht mehr heilen kann, aber da kann man meist zumindest die Symptome bekämpfen. Dennoch ist der Begriff “Krankheit” nicht korrekt für Autismus.
      Dann habt ihr ja auch ein besonderes Kind in der Familie. Bedenke bitte, dass jeder Autist einzigartig ist. Ich wünsche deiner Familie alles Gute und viel Kampfgeist.

      Liebe Grüße vom Schokodil

  5. Ich finde diesen Brief wundervoll geschrieben! Er beschreibt deinen Sohn als Besonderheit, aber ganz sachlich bzw. sogar sehr liebevoll. Ich hoffe sehr, dass der Brief den Mitschülern geholfen hat. Und ich finde es auch eine tolle Idee auf diese Weise den Mitschülern alles zu erklären. Denn Kinder können das Verhalten deines Sohnes vielleicht nicht immer einschätzen. Das hilft ihnen, ihn zu verstehen.

  6. Ich habe Tränen in den Augen, weil mich dieser Brief so berührt. Ich finde es mutig von ihm und die Idee das so umzusetzen toll! Kinder können manchmal schon grausam sein in der Schule. Ich glaube jeder hat in irgendeiner Art und Weise Erfahrungen damit gemacht. Wenn dann ein Kind “anders” ist, wird das ganze noch unerträglicher aber ich habe immer die Hoffnung, dass das Gute in den Menschen siegt. Das die Kinder und Menschen lieb zueinander sind, sich helfen, verstehen, akzeptieren. Ich wünsche ihm alles Glück der Welt und das er Freunde findet die zu ihm sehen, ihm helfen, ihn stützen, ihm ein Stückweit die Sicherheit geben die er braucht.

    Danke das du das mit uns geteilt hast!

    Viele Grüße Eileen von http://www.eileens-good-vibes.de

    • Oh Dankeschön <3
      Ja, ich denke jeder oder fast jeder hat in seinem Leben schon negative Erfahrungen in der Schule gesammelt. Ich finde es daher umso mutiger von ihm, dass er diesen Schritt wagen wollte.
      Ich leite deine Worte an ihn weiter. Ich denke, dass wird ihn sehr freuen.
      Liebe Grüße vom schokodil

  7. Wow, was für ein toller Brief. So ehrlich und toll beschrieben.
    Ich finde toll, dass ihr diesen „altmodischen“ Weg gewählt habt und das du deinem Sohn so dabei geholfen hast, bei einer Sachen, die ihm anscheinend sehr wichtig war.

    KLASSE.

    Viele liebe Grüße Anja

    • Danke dir Anja.
      Für ihn war es auch einfach der sichere Weg. So kann man den Brief abgeben und gehen ohne sich direkt der Situation zustellen. Denn negative Reaktionen wollte er nicht gleich gegenüberstehen, wenn er sich offenbart.
      Zudem stehe ich voll und ganz hinter meinen Großen. Ich versuche ihm zu helfen, wo ich nur kann. 🙂
      Liebe Grüße vom Schokodil

  8. Die Idee finde ich toll, einen Brief zu verfassen. Leider wird man nicht immer von allen Menschen akzeptiert, was schade ist. Gerade in der Schule, wo der Zusammenhalt wichtig ist. Ich bin sehr auf die Reaktion gespannt.

    Liebe Grüße
    Steffi

    • Das stimmt. Aber Kinder sind in der Regel auch sehr ehrlich mit ihren Gefühlen und ihrer Wahrnehmung. Sie wissen meist noch nicht, wie man in gewissen Situationen reagieren sollten und das führt dann dazu, dass sie sich unangemessen verhalten. Doch wenn man die Möglichkeit hat ihnen Dinge zu erklären, kann das in jungen Jahren sicherlich zu mehr Toleranz und Akzeptanz führen. Zumindest hoffe ich das sehr.
      Liebe Grüße vom Schokodil

  9. Das ist toll geschrieben! Leider kommt mir vieles so bekannt vor – von mir oder auch von meinem Stiefsohn…
    Einiges wird später einfacher – aber manchmal hat es auch nur den Anschein, dass es einfacher ist. Generalisieren kann man das wohl nicht. Aber es ist schön, wenn dein Junge das Thema und sich annimmt und lernt, dazu zu stehen.

    • Hallo Sonja!
      Dankeschön! Ja, zum Glück haben wir gerade eine positive Wendung. Man weiß ja immer nicht, was noch so alles kommt.
      Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es vielen so geht und darum schreibe ich auch darüber. Es ist gut, wenn man weiß, dass man mit diesen Problemen nicht alleine ist und es anderen ähnlich geht.
      Ich hoffe, dass für euch auch alles gut läuft bzw laufen wird.

      Liebe Grüße vom Schokodil

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