Autistisches Kind und das Thema Tod

 

Hallo ihr Lieben!

Schon häufiger habe ich gelesen: Wie gehen eure autistischen Kinder mit dem Thema Tod um?

Gute Frage.
Beantworten kann ich euch das auch nur aus meiner Sicht und meiner Erfahrung, aber vielleicht hilft euch das ja weiter.

Als mein Großer ein paar Monate alt, war verstarben meine Oma und meine Mutter. Da habe ich ihn natürlich nicht mit auf den Friedhof genommen und mitbekommen hatte er es ja auch noch nichts.

Aber als er älter wurde, kam er dann schon mal mit auf den Friedhof zu den Gräbern und dann fingen auch die Fragen an. Er dachte, dass er Schuld sei. Das er so ein schlimmes Kind wäre, dass sie es hier auf Erden nicht mehr ausgehalten hätten oder sie Platz für ihn machen mussten. Ich hatte keine Ahnung, wieso er auf so etwas kam und versuchte es ihm auszureden.

Die Situation wurde auch nicht besser. Bis vor einiger Zeit dachte er noch darüber nach, fast täglich.

Dazu kam noch, dass die Oma väterlicherseits auf ihn früher aufpasste und depressiv war, was ich so aber nicht wusste. Als sie dann in das Alter kam, in der ihre Mutter damals verstarb, redete sie sich ein, dass sie auch bald sterben würde. Leider redete sie auch mit dem Großen darüber. Er war 4 Jahre alt, wenn ich mich recht erinnere und fing auf dem Weg nachhause plötzlich bitterlich an zu weinen. Er hatte große Angst, dass die Oma bald sterben würde und wir dann womöglich auch.
Ich war geschockt und wusste nicht so recht, wie ich reagieren sollte.

Diese Angst konnte ich ihn lange Zeit nicht nehmen. Dazu kamen dann noch Ängste wie: Einbrecher kommen ins Haus oder sein Essen und Trinken wird vergiftet. Er weiß, dass es quatsch ist. Dennoch isst er nur Dinge die frisch zubereitet sind oder eingeschweißt, mit den Getränken ebenso.

Wie ihr ja wisst, denken unsere Autisten viel nach…oft viel zu viel.

Ihm half es ein wenig, dass er für seine bereits verstorbene Oma ein Brief malen konnte, den wir im Grab einbuddelten und meine Erzählungen, wie sehr sich die Oma über ihn gefreut hatte.

Ich hatte noch eine angeheiratete Oma, welche der Große kannte und auch ab und zu Kontakt mit hatte. Sie verstarb vor kurzem und ich teilte ihm das in einer ruhigen Minute mit. Es ging ihm sehr nahe, allerdings sah man es ihm nicht an. Die Reaktion war eher ein “Aha, ok. Ich spiel jetzt weiter.

Nun gut, ich gab ihm Zeit….denn ich war mir sicher, dass er bald kommen würde. Ich sollte recht behalten.

Ein paar Stunden später kam er zu mir und fragte, wieso sie verstorben sei und wie alt sie war. Dann ging er wieder und dachte darüber nach. Er kam dann eine weitere Stunde später wieder zu mir und meinte, dass es doch für sie eigentlich gut gewesen sei und sie ja ein gutes Alter erreicht hätte. Ich stimmte ihm zu und er ging wieder. Das ging so lang bis zu dem Tag der Beerdigung. Immer wieder fragte er nach und ich antwortete.

Da sein Papa auf den kleinen Bruder aufpassen musste, nahm ich den Großen mit auf die Beerdigung. Denn für mein empfinden haben kleine Kinder noch nichts auf einer Beerdigung oder Trauerfeier zu suchen. Klar gibt es Situationen, wo es nicht anders geht, doch sollte man es vermeiden.

Zudem dachte ich mir, wenn er weiß wie eine Beerdigung abläuft, fällt es ihm vielleicht leichter alles zu verarbeiten.

Als wir auf dem Friedhof warteten, macht der Große erstmal das was er immer auf dem Friedhof machte. Grabsteine lesen und sich Gedanken machen. Als sein Onkel dann mit der Familie kam und auch die anderen langsam eintrudelten, gingen wir in die Kapelle.

Dank Corona mit Mundschutz und draußen anstellen zum Namensabgleich, zur Händedesinfektion und anschließender Platzzuweisung.

In der Kapelle teilte mir der Große mit, dass er ja mit Gott gar nichts am Hut hätte und das alles nicht verstehen würde. Ich erklärte ihm, dass dieses Ritual Trost spendet und er sich ja auch auf die Architektur des Gebäudes fokussieren könnte, da diese doch sehr interessant sei.

Dieses tat er auch zu Beginn, folgte dann aber der Trauerrede. Im Anschluss musste wir dann von hinten nach vorne die Kapelle verlassen…..uns etwas abseits stellen, damit die Sargträger eintreten konnten.

Mein Großer schaute gespannt zu, denn die Sargträger waren noch wie früher gekleidet. Ich weiß nicht mehr, ob es ein traditioneller Zweispitz oder Dreispitzhut war. Aber es waren Blumenornamente drauf gestickt und dazu hatten sie die typischen alten Mäntel an. Ich fand es sehr stilvoll und meiner Oma würdig.

Als die Sargträger mit dem Sarg heraus kamen, erklärte ich dem Großen, in welcher Reihenfolge wir folgen würden. Erst die Söhne, dann die Enkel des Alters und Verwandschaftgrads nach bis zum Schluss die Leute folgten, welche nicht zur Familie gehörten.

Am Grab dann noch eine kurze Rede und auch hier erklärte ich ihm die Reihenfolge und was er dann machen musste. Er verstand erst nicht, warum Erde und Blumen in einem Korb am offenen Grab standen. Auch hier erklärte ich ihm, dass man sich damit noch einmal am Grab verabschiedet und das Grab “schließt”. Die Frauen nehmen in der Regel die Blumen und die Männer die Erde, doch es bliebe seine Wahl, was er lieber nehmen möchte.

Kurz bevor er dran war, fragte er mich nochmal zur Sicherheit, was er machen müsse und machte es dann auch sehr gut.

Anschließend ging es dann noch zum “Leichenschmaus” und während der Fahrt dorthin begannen die Beine des Großen an zu zittern. Das war alles neu und zu viel. Gut, dass wir etwas Zeit hatten und es im Auto ruhig war. So konnte er wieder “runterkommen”.

Beim Kaffee war er noch etwas angespannt, aber es ging. Auf dem Weg nachhause erklärt er mir, dass es gut war, dass er mit dabei war. Erst wollte er nicht, doch nun kann er verstehen, dass sie tot ist und weiß wo sie ist und das es ein schöner Platz ist.

Danach kamen auch keine weiteren Fragen mehr und er scheint damit tatsächlich im Reinen zu sein.

Der Tag war für uns beide sehr anstrengend. Wir kamen mit Kopfschmerzen heim und wollten einfach nur noch essen und ins Bett. Ich bin stolz auf den Großen, dass er so toll durchgehalten hat.

In der Kapelle hatte ich schon immer geschaut, ob er es aushält mit der Orgel…aber es ging. Wäre es nicht gegangen, wäre ich mit ihm raus vor die Kapelle und hätte mit ihm dort gewartet.

 

Also, wenn ihr ältere Kinder habt, kann es durchaus hilfreich sein, dass sie so ein Ritual mitmachen um damit abschließen zu können.

Wichtig ist, dass ihr sie begleitet…begleitet bei ihren Gedanken. Gebt ihnen Zeit, lasst ihnen Raum, beantwortet die Fragen. Bei unseren Autisten ist es wichtig, dass ihr nicht zu abstrakt werdet in euren Erklärungen, sonst verstehen sie es nicht richtig.

 

 

Das Beitragsbild wurde von Preben Gammelmark auf Pixabay zur Verfügung gestellt.

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