Schau mir in die Augen, Kleines!

Ein weit verbreiteter Irrglaube (sogar unter den Fach-/Ärzten) ist, dass Autisten (ich beziehe mich in meinen Aussagen immer in erster Linie auf das Asperger Spektrum) einen nicht in die Augen schauen können.

Das stimmt so nicht. Verhaltensweisen können durchaus erlernt werden. Als Kind habe ich auch keinen Menschen gerne angesehen beim sprechen. Ich habe auch wenig gesprochen, mit Fremden schon gar nicht, nur wenn ich es auf Anweisung meiner Eltern/Großeltern musste.

Mein Großer war ähnlich. Er sagte mir auch irgendwann, dass die Erzieher/Lehrer immer verlangen, dass er sie anschauen soll beim sprechen. „Wieso? Wieso muss ich das?“ fragte er mich. Ich erklärte ihm, dass es unhöflich sei jemanden nicht anzusehen, wenn man mit ihm spricht. „Das kann ich aber nicht“, sagte er mir. Ich verstand ihn, fand seine Sichtweise auch total normal und gab ihm einen Tip. „Schau den Leuten auf die Nasenspitze beim sprechen. Dann sieht es so aus, als ob du in ihre Augen schaust, aber du tust es nicht.“ Das probierte er aus und es klappte.

Mit zunehmenden Alter und Training klappt es durchaus den Leuten in die Augen zusehen. Denn eines zeichnet einen Asperger aus. Er ist mit Leib und Seele Schauspieler und eignet sich Verhaltensweisen mehr oder weniger gut an.

Es wird in die Rolle geschlüpft, von der man annimmt, dass sie erwartet wird.

Doch glauben Sie ja nicht, dass das einfach so geschehen kann. Nein. Es ist Tag für Tag eine riesige Herausforderung. Es ist so anstrengend, dass die meisten ASSler anschließend in den Shutdown kommen.

Das heißt, dass sie völlig erschöpft sind und erstmal ihre Ruhe brauchen. Dem Einen reicht es alleine zu sein, was zu lesen, TV schauen oder ein Spiel zocken. Der Andere braucht aber vielleicht ein bischen Schlaf. Ausnahmen gibt es natürlich immer, aber das kennt man ja überall.

Mein Großer z.B. war in der Grundschule jeden Tag im Overload. Zog sich selber raus, indem er die Klasse ohne Kommentar verließ. Zum Glück lief er nicht weg, was durchaus bei anderen Kindern vorkommen kann, sondern flüchtete entweder auf die Toilette oder auf den Flur. Mit zunehmenden Alter konnte er den Overload bremsen…bis er daheim war. Doch so bald er daheim angekommen war, fiel alles von ihm ab. Bloß nichts fragen. Kein „Wie war dein Tag?„, „Hast du Hunger?„, „Hast du Hausaufgaben?„. Manchmal reichte schon der Ausspruch seines Namens, dass sein Overload in einen Meltdown überschwappte.

Das Dumme war, dass wir erst seit Sommer 2018 eine Diagnose haben und ich immer dachte, dass er nur ein frecher Teenager sei. Tja, nun weiß ich es besser und vermeide solche Situationen. Zum Glück haben wir sie auch fast nur noch, wenn er Schulzweigübergreifenden Unterricht hatte. Also gemeinsamer Unterricht mit Real- und Hauptschüler. Erstmal ist es eine andere Situation, andere Kinder, anderes Lerntempo. Diese verschiedenen Strukturen und der Lärmpegel stressen ihn. Aber es ist auszuhalten.

Ich habe bereits von mehreren Eltern gelesen, dass sie nicht ernst genommen werden oder weg geschickt werden, weil ihr Kind ja in die Augen schauen kann. Diesen Zahn habe ich neulich auch erst der neuen Kinderärztin bei unseren Kinderarzt in der Praxis ziehen müssen. Ich weiß nicht, ob sie es verstanden hat, aber ich wünsche es mir für andere betroffene Kinder, die aufgrund dieser Annahme nicht erkannt werden.

Lassen sie sich nicht beirren. Sollten sie an einen Kinderarzt oder Kinderpsychologen geraten, der zu ihnen sagt: „Ihr Kind kann kein Autist sein. Es schaut mir ja in die Augen.“ Dann nehmen Sie ihr Kind und wechseln den Arzt. Denn dann hat dieser Arzt leider überhaupt keine Ahnung von Autismus.

Selbiges gilt auch für: Es lässt sich ja anfassen“ Auch das ist zwangsläufig kein Indiz dafür, ob ein Kind Autist ist oder nicht. Mein Großer kuschelt z.B. sehr gerne und gibt auch die Hand zur Begrüßung. Auch läuft er nicht schreiend weg, wenn er z.b. auf der Schulter von jemanden berüht wird. Ja, es ist ihm unangenehm, aber er zeigt es nicht offen.

Trauen Sie sich zu, dass Sie sehr wohl wissen/fühlen, wenn etwas nicht stimmt. Sie kennen ihr Kind besser als jeder andere Mensch.
Manchmal muss man leider erst länger suchen um an das Ziel zu kommen.

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