Das Handy

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Das Handy. Das Handy? DAS Handy!

Ja, was soll ich sagen…

Wie fange ich am besten an? Sinnvollerweise wohl von vorne.

Also: Der Große hatte in der 4. Klasse von uns ein einfaches Handy bekommen. Kein Smartphone, sondern so ein olles Ding wie wir früher hatten. Telefonieren, SMS und Snake. Ein Nokia eben.

Warum bekam er das? Er bekam es, damit er sich im Notfall melden konnte bzw Bescheid geben konnte, wenn er länger auf dem Spielplatz blieb. Ich war gerade zum zweiten Mal Mutter geworden und konnte ihn nicht immer suchen gehen. Das war 2017.

Zu dieser Zeit drängte sich ihm ein Junge aus der Klasse auf. Ein unangenehmer Junge, Fabian (*Name geändert). Er stalkte meinen Großen regelrecht. Sonntags klingelte schon das Telefon um 6 Uhr. Ging niemand ran oder der Anrufbeantworter, dann klingelte es im 2-Minuten-Takt. Hatten sie sich verabredet, musste mein Großer binnen 5 Minuten bei ihm sein, sonst stand er vor der Gartenpforte und wartete bis er endlich kam. Er rief auch tatsächlich bis 22Uhr bei uns an. Telefonate dauerten Stunden. Naja, wenn man es Telefonate nennen konnte. In der Regel spielten sie sich gegenseitig Töne vor, z.b. von einem Wecker der Weckrufton.

Ich war alles andere als begeistert von diesem Kind. Doch war ich hin- und hergerissen. Denn der Große hatte ja Probleme Kontakte zu knüpfen und zu halten. Sein einziger bester Freund aus dem Kindergarten hatte auch nicht immer Lust auf ihn oder war da. Tja, was sollte ich also machen? Es verbieten oder ihm die Freude lassen?

Ich entschied mich ihn erstmal zu lassen. Einige Monate ging es auch gut, obwohl ich schon dazu übergegangen war die Festnetznummer dieses Kindes zu sperren, um dem Telefonterror Einhalt zugebieten. Denn immerhin arbeitet mein Mann Schicht und braucht seine Ruhe und dann war ja auch noch das Baby da.

Eines Abends stand plötzlich mein Großer vor mir und hielt mir sein Handy unter die Nase.

Ja?” fragte ich. “Was soll ich damit?

Mama, ich habe Mist gebaut. Wir bekommen eine Anzeige,” antwortete er.

Wie?! Eine Anzeige?” fragte ich und merkte wie mein Herz anfing bis zum Hals zu schlagen.

Ja, musst du lesen,” erwiederte der Große und hielt mir das Handy wieder hin.

Ich nahm das Handy und las: Wir geben ihnen die Chance sich bis 20Uhr zu erkennen zu geben oder wir werden bei der Polizei Anzeige gegen sie erstatten. Sämtliche Anrufe sind mitgeschnitten worden.

Oh wow! Was?! Wieso? Was? Mir wurde ganz schlecht.

Was hast du getan und wer ist das?” fragte ich ihn.

Das sind Peers (*Name geändert) Eltern. Ich habe Fabian mein Handy gegeben und er hat Peer angerufen und ihn und seine Eltern beschimpft und beleidigt,” erzählte er.

Du auch?” fragte ich.

Nein, ich habe ihm nur das Handy gegeben. Ich wusste nicht, dass er so etwas macht. Da waren noch zwei Freunde von ihm, die da mitgemacht haben,” erzählte er weiter, “und bei Emma (*Name geändert) hat er auch angerufen und das gleiche gemacht. Der Papa hat ins Telefon geschrien, wenn wir nicht gleich aufhören, kommt er und haut uns eine an die (Pardon) Fresse.

Puh, starker Tobak. Das musste ich kurz sacken lassen.

Okay, ich ziehe den Kleinen was über und dann gehen wir zu Peer rüber und du erzählst was war und entschuldigst dich,” wies ich ihn an.

Zerknirscht nickte der Große mit dem Kopf. Leider kam in dem Moment auch mein Mann hinein und fragte, was denn los sei. Natürlich blieb mir nichts anderes übrig als ihn darüber zu informieren was vorgefallen war, denn wir würden jetzt ja noch mit dem Baby raus gehen (Im Schlafsack) und es war ganz offensichtlich das etwas nicht stimmte. Hinzu kam ja noch, ob die Sache nicht noch rechtliche Folgen haben könnte.

Mein Mann war natürlich auf 180, aber da der Große ja nicht log und gleich zu uns kam, hielt sich seine Wut in Grenzen. Er empfand auch eher Scham.

Ich ging also mit dem Großen zu seinen Kumpel rüber und klärte die Sache mit dem Großen auf. Er erzählte was vorgefallen war und entschuldigte sich. Glücklicherweise nahm die ganze Familie die Entschuldigung an und sagte uns auch, dass sie wissen, dass er dabei nicht aktiv beteiligt war, denn das waren andere Stimmen am Telefon.

Erleichtert gingen wir wieder heim.

Natürlich hatte das Konsequenzen. Große Konsequenzen, denn das waren ja einige, ja..schon Straftaten.

Mein Mann und ich verhängten ein absolutes Medienverbot. Kein TV, kein Radio, kein Handy, kein PC, keine Konsole. Die Strafe galt auf unbestimmte Zeit und das Handy würde er nicht wieder bekommen. Handy erst wieder, wenn er sich eine Karte selber kaufen kann, auf seinen eigenen Namen. Also mit 16.

Der Große akzeptierte seine Strafe und fing nach zwei Wochen Medienverbot sogar an zu lesen. Ich hatte ihm zwar schon vorher viele Bücher geschenkt, sogar auch Minecraft-Bücher, doch er fand sie doof. Selber lesen war doof. Nun ja, jetzt entdeckte er seine Vorliebe fürs Lesen.

Das ging auch bis zur weiterführenden Schule ganz gut ohne Handy. Obwohl ich mir schon manchmal gewünscht hätte, dass er übers Handy erreichbar wäre.

Allerdings spitzte sich die Situation zum Ende der 5. Klasse zu. Denn auf der weiterführenden Schule wurde ein Smartphone immer wichtiger.

Die Klasse tauschte sich über Whatsapp aus, kurzfristige Änderungen des Unterrichts, Unterrichtsausfälle, etc wurden über iserv online gestellt und natürlich war man auch nicht hip ohne Handy.

Da nun im September eine Klassenfahrt ansteht, mit Bahnfahrt und mehreren Umstiegen, bekam ich schon ein ungutes Gefühl.

Was ist, wenn er die Gruppe verliert? Was ist, wenn etwas anderes vorfällt? Dann wäre ein Handy sinnvoll.

Zudem kam der Große und beschwerte sich: “Mama, kaum einer redet noch mit mir. Immer wenn ich sage, dass ich kein Handy habe, drehen sie sich um und gehen weg. Ich werde wieder zum Aussenseiter.

Aber das wollte ich nicht. Daher sprach ich mit meinem Mann. Er war überhaupt nicht begeistert. Allerdings wollte er auch nicht, dass der Große wieder zum Aussenseiter wird. Doch auf ein klares “Ja” oder “Nein” konnte ich nicht hoffen.

Also lag es an mir.

Nachdem ich mich noch eine Weile sträubte, habe ich mich doch überwunden und ihm nochmal eine Karte auf meinen Namen gekauft und auch ein Handy. Allerdings nur ein günstiges Smartphone. Denn ich finde es erstmal immer noch schlimm, dass die Kinder schon so teure Geräte haben und dann ist bei ihm ein erhöhtes Risiko, dass er etwas verliert. Ein günstiges Telefon ist da eher zu verkraften als z.b. ein IPhone.

Der Große freute sich sehr als er zu Beginn der Sommerferien das Handy bekam. Ein Stück Freiheit und Zugang zu seinen (Schul-) Freunden. Da wir Eltern aber weiterhin skeptisch sind, hat er das Handy nur auf Bewährung. Macht er Blödsinn, ist es wieder weg.

Allerdings muss ich sagen, dass er sehr viel ausgeglichener ist, seitdem er das Handy hat und das ist eine sehr positive Entwicklung. Wir hoffen, dass es so bleibt.

Anmerkung: Zum Zeitpunkt der “Tat” hatten wir noch keine Autismus Spektrum Diagnose.

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Das Beitragsbild wurde von natureaddict auf Pixabay zur Verfügung gestellt.

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