Für immer alleine? Ein Autist auf dem Weg ins Glück…

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So oft höre ich Sorgen von Müttern, dass sie Angst haben, dass ihr Kind niemals eine/n Partner/in finden wird. Selbige Sorgen höre ich auch öfter von älteren Autisten.

Daher möchte ich Sie beruhigen. Oma sagte schon immer: „Auf jeden Topf passt ein Deckel.“ und eben diesen Deckel gibt es wirklich, nur manche müssen länger suchen.

Bei mir war es z.B. so, dass meine Mutter sich Sorgen machte, dass ich niemals einen Mann finde, mit dem ich zufrieden bin und sie keine Enkel bekommen würde. Nun ja, ich wollte ja auch nicht irgendeinen Mann. Die Männer mit denen ich mich traf, waren entweder Fremdgänger oder einfach nicht reif für eine Beziehung. Ich wollte aber auch keinen Mann, dem ich geistig überlegen bin und er sollte möglichst handwerklich begabt sein.

Ganz schöne Ansprüche, was?

Aber es traf sich eines Tages, dass ich mich mit meiner Mitbewohnerin zerstritt, zurück in meine Heimatstadt zog und mir einen Computer kaufte. Das war im Jahre 2001. Ich war total unerfahren mit Computern. Meine Cousine richtete mir den PC ein und ich schaute zu.

Nun war es aber so, dass ich nicht mehr viele Kontakte in meinem Heimatort hatte und fand in einer örtlichen Zeitschrift einen Chat für einsame Herzen der nächsten Großstadt. Dort verbrachte ich meine Freizeit und lernte auch einige Leute kennen, nur Mr. Right war nicht dabei.

Eines Tages wollten meine Cousine und ich ausgehen und vorher noch einen alten Schulfreund besuchen. Das machten wir auch, tranken ein bischen und meine Cousine entschied dann aber, dass sie lieber noch dort weiterfeiert und nicht mehr tanzen gehen möchte. Also fuhr sie mich heim und ich war sauer und enttäuscht. Schließlich hatte ich mich gefreut mal wieder so richtig tanzen zu gehen. Tja, konnte man wohl nicht ändern.

Ich war schon etwas angeheitert, aber für ein paar Vodka Redbull war noch Platz. Mit eben jenen Getränk setzte ich mich wütend vor den Computer und loggte mich in den Singlechat ein. Ein bischen Frust ablassen, ein bischen stänkern. Denn wenn ich schon keinen Spaß haben darf, dann andere Leute auch nicht.

Ich fing an zu pöbeln und wurde gleich genervt von der Admina angeschrieben, ob wir das lustig fänden.

Wir? Wieso wir? Ich bin doch alleine…

Also fragte ich nach, was sie meinte.

Offensichtlich war schon jemand da und stänkerte ebenfalls. Erheitert stieg ich mit ein und irgendwie stellten wir fest, dass wir das gleiche Getränke tranken und aus dem selben Grund da waren. Frust.

Da wir uns im Chat immer besser verstanden, wechselten wir zu einer privaten Unterhaltung bei ICQ. Na, wer kennt es noch?

Wir waren auf einer Wellenlänge und chatteten fortan jeden Tag. Nach 3 Wochen fand ich heraus, dass er bald Geburtstag hatte und da er mir erzählte, dass er eine Sozialphobie hätte, aber seit ein paar Wochen alleine in eine Disco geht um eben dieses Problem zu überwinden, nötigte ich ihn zu einen Date. Erst wollte er nicht, lies sich dann aber am Geburtstag überreden.

Ich machte mich also ausgehfein und fuhr los. Am Treffpunkt bekam ich dann aber kalte Füße und wollte erst weiterfahren, doch da er Geburtstag hatte hielt ich an und wir fuhren erstmal in ein Café. Wir unterhielten uns, aber lange nicht so locker wie im Chat. Es war anstrengend. Ich musste ihm jedes Wort aus der Nase ziehen. Seine Hände hielt er verkrampft verschränkt, wenn er gerade nicht rauchte. Er schaute mich auch nicht an. War ich so häßlich? Zu fett? Zu langweilig?

Ich fühlte mich unwohl, aber er war niedlich. Später wechselten wir zur Disco und ich hoffte weitere Unterhaltungen vermeiden zu können, in dem wir tanzen würden. Ja, dachte ich. Man hätte meinen können zwischen uns wäre eine Eiswand. Zudem wirkte er jetzt in der Disco ziemlich genervt. Klasse. Das ging ja wirklich nach hinten los.

Wir tanzten nicht, Unterhaltungsversuche schlugen fehl und ich hoffte, der Abend möge bald enden.

Dann musste er mal kurz auf Toilette und in dem Moment kam kurz das kleine Arschloch (Pardon) bei mir durch. Ich wollte mich verkrümeln, wie ich es in der Vergangenheit schon bei diversen Dates tat.

Aber es war doch sein Geburtstag. Das macht man nicht. Ich entschied mich den harten Weg zu gehen und durchzuhalten.

Als er wieder kam, fragte er, ob wir gehen wollen, irgendwo anders hin. Ich stimmte erleichtert zu. Allerdings wusste er nicht wohin, da schon einiges zu hatte…aber ich wusste es. Wir gingen in eine Bar für… sagen wir interessante Leute.

Also wir dort waren, sah man ihm an, dass er sich unwohl fühlte. Ich sprach ihn darauf an. Es stellte sich heraus, dass er bereits die Tage vorher in der Disco war und sie exakt die selbe Reihenfolge mit den selben Songs spielten und deswegen war er angenervt. Die Bar fand er spannend, aber halt „neu“. Da er mir erzählt hatte, dass er noch nie Tequila getrunken hatte, bestellte ich eben einen und plötzlich war die Stimmung etwas lockerer.

Unsere Unterhaltung war fließend und alles war gut bis es ihm dann doch zuviel wurde. Ein Mann mit dunkler Haut, fast 2 Meter groß kam herein. Er sah gut aus. Er hatte ein rotes enges Oberteil an und dazu passend kurze rote Hotpants mit Stilettos. Ich fand ihn total klasse. Doch mein Begleiter rutschte unruhig auf seinen Stuhl hin und her. Das war jetzt ein wenig zu viel für ihn, er wollte gehen.

Für den Abend verabschiedeten wir uns dann auch erstmal, doch weitere Chats und Treffen folgten und weil das eben so war, dachte ich, dass er interessiert wäre an mir.

Doch leider machte er keinerlei Anstalten irgendwas zu versuchen, daher ging ich in die Offensive. Ich hatte eine Stoffhose die hinten zum zumachen war. Also stellte ich mich vor ihn, Hintern auf Augenhöhe und fragte „Kannst du mal schauen, ob der Reißverschluss noch zu ist?“ Die meisten Männer hätten wahrscheinlich am Reißverschluss rumgefingert, doch von ihm kam nur ein monotones „Ja, ist zu.“ Dazu nur ein beiläufiger Blick.

„Klasse,“ dachte ich mir und fühlte mich herausgefordert.

Während der weiteren Unterhaltung schmiegte ich mein Knie wie zufällig an sein Bein. Zack! Bein weg. Als ob ich ihm ein Messer reingerammt hätte. Das hatte gesessen. Ich sah mich in der Friendzone gestrandet. Ich versuchte dann auch nichts mehr und überlegte, wie ich mich am gekonntesten verabschieden konnte. Doch da fragte er auch schon, ob wir jetzt gehen wollten. Klar, natürlich, sofort. Bloß weg.

Auf den Weg zum Auto mussten wir an einer roten Ampel stehen bleiben und ich weiß nicht genau wie es passierte oder warum es passierte, doch in diesen Moment drückte er seine Lippen auf meine. Ehe ich reagieren konnte, war es auch schon grün und wir gingen weiter.

Das war der Anfang des romantischen Teils unserer Treffen, doch auch weiterhin musste ich meist den aktiven Part übernehmen.

Heute ist aus dem jungen Mann, der nicht mit Leuten reden, geschweigen denn sie ansehen konnte, ein selbstbewusster Mann geworden. Heute kann er mit Menschen reden und auch aktiv für sich einstehen. Doch bis dahin war es ein langer und nicht immer leichter Weg. Den er nicht zuletzt durch meine Hartnäckigkeit und Impulsivität beschreiten konnte. 18 Jahre sind wir nun zusammen.

An Herausforderungen wächst man.
Behaltet den Satz im Hinterkopf.

 

 Das Titelbild wurde von Gabriel Alva auf Pixabay zur Verfügung gestellt.

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